S1 100 Meilen Lauf in Triest

Schon in der Vorbereitung war mir klar, dass dieser Lauf eine spezielle Herausforderung wird. Wenn man im Winter in den Bergen laufen will, bringt das lange Nächte, kalte Temparaturen, Schnee und vor allem lange Nächte mit sich. Die langen Nächte finde ich jeweils speziell zermürbend.
Die Route geht in der ersten Hälfte im Landesinneren der Italienisch-Slowenischen Grenze entlang und irgendwann bis an die kroatische Grenze. In der zweiten Hälfte  direkt zurück bis zur Grenze nach Italien und dann über weite Teile dem Meer entlang mit wunderbarer Aussicht. In Bora, kurz vor dem Ziel steigt der Trail bis zum  Strand ab.
Route
Höhenprofil
Angemeldet waren etwa 150 Leute, am Start standen aber sicher einige weniger. Das erstaunt natürlich nicht, für einen solchen Wettkampf muss man absolut gesund sein. Alles andere macht wenig Sinn und ist gefährlich.
der grosse Pulk ist noch aufgedreht
Zum Anfang war es wie immer bei solchen Läufen. Der grosse Pulk ist geladen, an den engen Stellen muss man anstehen und es hat immer wieder Läufer, die die entscheidenen 2 Minuten am Anfang gutmachen wollen. Nach 20 km legt sich das. Genau da war dann auch der erste Vepflegungsposten und der Tag hellte auf. Die Stimmung konnte also gar nicht besser werden. Der Rennorganisator hat mir da  zugeredet, dass ich nicht zu schnell werden darf, da der CheckPoint in Gojaki, bei 85 km erst um fünf öffnet und ich nicht zu früh da sein darf. Dort konnten wir nämlich auch unsere Taschen in Empfang nehmen, in denen wir Essen und Ersatzkleider deponieren konnten.
Das Risiko, vor fünf da zu sein, erschien mir aber überschaubar.
Da wir in weiten Teilen der Italienisch/Slowenischen Grenze entlang liefen, wurde uns immer wieder vor Augen geführt, dass das vor 30 Jahren noch der eiserne Vorhang von Europa war. Warnschilder und alte Zollhäuser dokumentieren das sehr eindrücklich. Die Gegend ist auch heute noch mehrheitlich unbewohnt.
Diese Warnungen stehen überall
Es ist schon eine Zeit her, seit dieses Zollhaus benutzt wurde
Am Samstag war das Wetter trocken, durchzogen und kalt. Der Boden war anscheinend schon mehrere Tage gefroren und taute auch am Samstag nicht auf.
so kalt war es am Samstag
Etwa um halb sechs bin ich dann in der erwähnten Hütte angekommen. Ihr könnt Euch nicht vorstellen, wie schön das sein kann, wenn man in der Nacht die Lichter auftauchen sieht, wenn man dann eine dampfende Minestrone auf den Tisch gestellt bekommt und dann von der Hüttenwartin einen Knuddler mit auf den Weg bekommt. Das war allerdings auch wichtig. Gleich darauf kamen die höchsten Gipfel. Es waren deren zwei, die höher als 1000 müM sind. Bei angesagten minus 5° und starkem Wind braucht es viel innere Wärme. Das war vermutlich auch der erste Zeitpunkt, an dem ich mich fragte, was ich hier eigentlich mache. Vernünftige Leute sitzen jetzt mit einem Bier vor dem Fernseher.
was halt so im gut sortierten Verpflegungsposten in Slowenien gereicht wird.
Den Zeitpunkt, wenn man an der kroatischen Grenze ankommt, kann man unmöglich verpassen. Die ist nämlich mit drei Lagen Nato-Stacheldraht gesichert. Wir laufen über einige Zeit diesem Stacheldraht entlang, was ein mulmiges Gefühl gibt.
Ab dann wird es richtig technisch. Nach etwa 125 Kilometern müssen wir 300 Höhenmeter einen Steilhang hoch oben einer Klippe entlang, bei der es zum Glück Seile hat, damit man sich halten kann und dann wieder eine Geröllhalde runter, bei der alles in Bewegung ist. Laufen konnte ich da natürlich nicht mehr. Ich wollte einfach nur noch gesund runter kommen.  Das war auch der emotionale Tiefpunkt. Ich war seit 12 Stunden mit Stirnlampe gelaufen, hatte kalt, war müde und wollte mich eigentlich nur noch hinlegen. Daran war natürlich nicht zu denken, dafür habe ich ein paar Gehpausen eingelegt.
Wer selber schon solche Wettkämpfe gelaufen ist, weiss aber, dass das schnell ändern kann. Um viertel vor Acht ging die Sonne auf und es war einer der schönsten Sonnenaufgänge, die ich schon erlebt habe. Bald darauf hat mich Allessandra eingeholt die mich motiviert hat, wieder zu laufen. Es wurde ein wunderschöner Tag. Die Sonne schien, es wurde warm, wir sind etwa 30 km oberhalb des Golfes von Triest gelaufen, die Aussicht war phänomenal und ich wusste, dass ich das Ziel erreichen werde. Nur für den Fall, dass sich jemand fragt, warum ich das tue. Das sind die Momente, bei denen ich die Glückstränen unterdrücken muss.
einer meiner schönsten Sonnenaufgänge
Die letzten 10 km wurden aber nochmals zu einer ungeahnten Herausforderung. Auf dieser Strecke waren nämlich auch die Halbmarathonis unterwegs. Es liegt in der Natur der Sache, dass die schneller unterwegs waren und bei den engen Stellen überholen wollten. Für mich bedeutete das, dass ich immer wieder zur Seite springen musste. Die weniger freundlichen Zeitgenossen brachten auch sehr direkt zum Ausdruck, dass es nervt, wenn so eine lahme Ente ihren schnellen Lauf unterbricht. Es gab aber auch viele Leute, die erkannt habe, warum ich langsamer unterwegs bin und mich aufgemunterten.
Triest von oben

Wenn die Italiener etwas können, dann ist es die perfekte Show auf die Beine zu stellen. Das wurde mir beim Zieleinlauf vor Augen geführt. Der Zielbereich war voller Zuschauer und Läufern kürzeren Distanzen. Die wurden durch den Speaker so aufgepeitscht, dass die Masse gekocht hat. Das habe ich noch nie erlebt.

2 Gedanken zu „S1 100 Meilen Lauf in Triest“

  1. Hey Chef, das hast du wiedermal prächtig gemeistert, gratuliere! Ob der Sonnenaufgang tatsächlich schöner war als auf dem Gummen, müssten wir wohl mal noch diskutieren…;-)

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